Die Grüne Lüge – Kathrin Hartmann

Kathrin Hartmann - "Die Grüne Lüge"

Nachhaltigkeit ist im Trend. Überall hört und sieht man es, immer mehr grüne Produkte kommen in die Läden. Immer mehr Unternehmen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und tun scheinbar etwas dagegen. Manche meinen es sicherlich auch ernst. Aber nicht alles, was grün leuchtet, ist wirklich nachhaltig. Das wurde mir bitter klar, nachdem ich das Buch von Kathrin Hartmann gelesen habe: Die grüne Lüge.

Ehrlich gesagt, war ich mir erst etwas unsicher, ob ich über dieses Buch schreiben sollte. Nicht, weil ich es nicht gut finde – ganz im Gegenteil, sondern weil ich nicht wusste, wie ich dem Buch mit 1500 Wörtern gerecht werden kann.

Das Buch ist so umfassend, so voll mit Beispielen und Daten, dass ich überfordert war, da eine Zusammenfassung zu finden. Aber wie ihr seht, versuche ich es natürlich trotzdem. Erst gibt es eine kleine Zusammenfassung und dann meine Lektionen, die ich daraus gelernt habe.

Das Buch ist übrigens bei der Arbeit an dem gleichnamigen Film „Die Grüne Lüge“ entstanden, den Werner Boote und sie gedreht hatten. Ein Film, den es sich lohnt zusätzlich zum Buch anzusehen.

Für wen könnte dieses Buch interessant sein?
Für dich, wenn du mehr von dem Phänomen Greenwashing erfahren möchtest und warum Konsum nicht die Antwort für eine bessere Welt sein kann.

Worum geht es in diesem Buch?

Kathrin Hartmann entlarvt vor allem große Firmen, die scheinbar den Pfad der Nachhaltigkeit eingeschlagen haben, indem sie deren stumpe Strategie aufdeckt und kritisch hinterfragt. Denn dass sich mit Nachhaltigkeit Geld verdienen lässt, haben mittlerweile so einige verstanden.

Diese Strategie nennt sich Greenwashing. Diesen Begriff erklärt Kathrin Hartmann in ihrem Buch so:

„Mit dem Versprechen, sich selbst um Probleme zu kümmern, die sie verursachen, halten sie sich die Politik vom Hals, die den Profit durch Auflagen und Gesetze einschränken könnte. Gleichzeitig verkaufen sie ihren Kunden den Mehrwert des guten Gewissens, damit diese weiter sorglos konsumieren können. Greenwashing nennt sich diese Strategie.“

Da geht es zum Beispiel um die nachhaltigen Verpackungen von einem großen bekannten Kaffeekapselhersteller. Aber der Kaffee an sich ist weder biologisch angebaut noch fair gehandelt. Dennoch wirbt dieser Hersteller mit nachhaltigen Kampagnen und gibt dem Verbraucher so ein gutes Gefühl, denn er nutzt ja nachhaltig verpackten Kaffee. Der Fakt, dass bei der Produktion viele Ressourcen verbraucht werden und die Bauern wohl keine faire Bezahlung bekommen, rückt unbemerkt in den Hintergrund. 

Doch in dem Buch werden nicht nur die großen Firmen an den Pranger gestellt. Auch der Konsum und der Kapitalismus wird in Frage gestellt. Die These von Kathrin Hartmann lautet, dass grünes Wachstum nicht möglich sei. Das wird aber von uns Konsumenten nicht gern gehört, deswegen glauben wir lieber den Erfolgen der Firmen im Bereich Nachhaltigkeit. Denn wenn die einzelnen Firmen, die natürlich einen viel größeren Einfluss als der einzelne Konsument haben, nachhaltiger werden, dann ist doch viel mehr erreicht als der Einzelne je mit Konsumverzicht erreichen könnte, oder?

„Wenn sich „die Großen“ nur ein bisschen „verbessern“, habe das weitreichende positive Folgen, so die gleichermaßen absurde wie naive Theorie.“

Kathrin Hartmann – „Die Grüne Lüge“

Der normale Mensch ist bequem, er möchte keine Veränderungen, vor allem keine radikale. So glauben die meisten gerne diesen Mythos, da das bedeutet, dass sie weiter konsumieren dürfen wie gewohnt. Die Folgen dieser Einstellung bekommen dann die Menschen in den südlicheren Ländern ab. Sei es zum Beispiel durch Menschenrechtsverletzungen oder durch die Folgen des Klimawandels.

Dass diese Rechnung nicht aufgeht, ist glaube ich klar.

„Vielleicht ist die ubiquitär behauptete Nachhaltigkeit ja gar keine Lüge. Sondern nur ein hübscheres Wort für Systemerhalt.“

Kathrin Hartmann – „Die Grüne Lüge“

Damit wir weiter so leben können wie gewohnt. Die meisten von uns leben im Luxus. Regelmäßig Nahrung, sauberes Wasser, Smartphones, Autos, unzählige Freizeitangebote… Wir sollten uns vor Augen halten, dass das keineswegs selbstverständlich ist. Und dass das vor allem deswegen so gut läuft, weil die Probleme externalisiert werden.

Das heißt nicht, dass wir allein daran schuld sind, so gut leben zu können. Das System hat es möglich gemacht. Der aktuelle Kapitalismus, der darauf aus ist, aus allem eine Ressource zu machen und gewinnbringend zu verkaufen, hat es geschafft Menschen und Umwelt zu einer Ressource zu machen, die bis zum Ende ausgenutzt werden kann. Und der Konsum hält das ganze System am Laufen.

Wenn du vorher noch nie so eine Systemkritik gehört hast, ist es etwas erschlagend und man möchte am liebsten alles verneinen und von sich wegschieben. Mir ging es am Anfang des Buches so. Es wirkte alles so skandalös und hier kommen wir nämlich auch zu dem Punkt, warum ich erst unsicher war, überhaupt über dieses Buch zu schreiben: Die Behauptungen sind oft radikal und fast nicht zu glauben. Bis man dann weiter liest und die ganzen Beispiele und Fakten sieht, die genau darauf hindeuten, dass einiges schiefläuft.

Es geht zum Beispiel um die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die BP erfolgreich versucht hat zu verharmlosen. Das wirkliche Ausmaß ist nur begrenzt bekannt.

Oder große Modeunternehmen, die neben ihren konventionellen Produktpalette, natürlich auch auf das Thema Nachhaltigkeit aufspringen und Produkte aus recyceltem Plastikmüll aus dem Ozean verkaufen. Im ersten Moment könnte das ja sogar gut klingen, doch die nachhaltigen Produkte machen einen verschwindend geringen Prozentsatz der eigentlichen Produktion aus. Noch dazu behalten sich diese großen Modeunternehmen weiterhin vor fast wöchentlich neue Kollektionen herauszubringen. Auch Kleidung aus Ozeanmüll löst da kaum das Problem des eigentlichen übertriebenen Konsums oder der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken.

„Die beste Ozeanjeans ist also die, die gar nicht erst hergestellt wird.“

Kathrin Hartmann – „Die Grüne Lüge“

Oder aber die Palmölindustrie. Die mit ihren Siegeln und Zertifikaten eigentlich nichts erreichen. Denn – und das ist wirklich verrückt – diese Siegel wie zum Beispiel das RSPO Siegel bedeuten nichts als freiwillige Versprechen. Also das Unternehmen versucht nicht zu brandroden, falls es doch passiert, ist es eben so und das Palmöl wird trotzdem unter dem RSPO Siegel verkauft.

Ich kann verstehen, dass man das alles nicht glauben kann. Nicht man – ich würde gerne nicht daran glauben. Aber dieses Buch ist gut recherchiert und sehr umfassend. Da läuft einiges schief und die vielen Beispielen zeigen, wie dringend Handlungsbedarf besteht – bei uns, der Politik und den Firmen.

Was ich daraus mit nehme

Das Buch hat mir einige neuen Blickwinkel gegeben und meinen Fokus verändert. 

Ich habe viel Neues gelernt und vor allem viel mitgenommen, was ich in Zukunft mehr bedenken möchte. Einen Einblick möchte ich euch geben:

  • Wir sollten nicht darauf hoffen oder warten, dass Unternehmen und Politik von selbst etwas tun. Einiges davon wird nur gemacht, weil es gerade sehr gewinnbringend ist. An die wirklich heiklen Themen wird trotzdem nicht herangegangen. Für mich heißt das, dass ich mich mehr engagieren möchte, mehr Druck machen.

„Warum glauben so viele, dass man drängende Probleme aussitzen könnte, bis grüne Tüftler oder Unternehmen alle retten?“

Kathrin Hartmann – „Die Grüne Lüge“
  • Es kann kein Wachstum geben, der grün ist. Zu diesem Schluss kam ich schon nach dem Lesen des Buchs „Adieu Wachstum“ von Norbert Nicoll, aber hier wurde es nochmal bestätigt. Mit neuen Produkten wie essbaren Flugsitzbezügen verschleiert man nur das eigentliche Problem. Allein die Produktion kostet viele Ressourcen, ganz zu schweigen, dass bei Produkten wie die Flugsitzbezügen das Problem eindeutig am Fliegen liegt.
  • Allgemein sollten wir aufpassen bei so grünen Produkten, dass sie nicht einfach nur unser Gewissen reinwaschen, weil wir ja grün konsumieren. Es hinterlässt ein gutes Gefühl, als würde man ein Stück weit die Welt retten. Aber Konsum kann nicht die Antwort sein. Man kann grüner konsumieren ja, aber richtigen, grünen Konsum kann es nicht geben. Alles frisst Ressourcen und wir leben auf Kosten der Hälfte der Menschen.
  • Wenn wir spenden, sollten wir uns vorher genau informieren für wen. WWF wurde mehrmals in dem Buch genannt, und zwar nicht im positiven Sinne. Ich möchte in Zukunft eher auf kleinere Vereine setzen, die am besten auch vor Ort sind.
  • Bei Labeln, Siegeln etc. skeptisch sein und so gut es geht darüber informieren. Ist bei der Menge an Labeln zwar nicht einfach, aber wir können uns Schritt für Schritt vorwagen.
  • Bewusstsein schaffen und sich bewusst sein, dass man selbst zwar ein Teil des Problems ist, aber sehr wohl etwas bewirken kann. Darüber habe ich hier schon genauer geschrieben.
  • Was man sofort selber tun kann? Der gute altbewährte Klassiker: bio, regional, möglichst natürlich kaufen und das in jedem Bereich. Und nur, wenn man es wirklich braucht. Das ist für mich immer noch das beste Mittel.

Fazit

Das Buch war sehr augenöffnend. Anfangs war es wirklich fast erschlagend. So viele Fakten. Viele davon sind belegt, aber ein-, zweimal wollte ich etwas nachsehen und da half mir die Quellenangabe leider nicht. Und manchmal wirkt der Schreibstil fast ketzerisch. Ich kenne Leute, die es deswegen abhalten würde, das Buch zu lesen.

Aber das sollte es nicht. Wirklich nicht.

Das Buch zeigt deutlich, wo das Problem liegt und auch wenn nicht alles zu 100% belegt ist, ist es doch genug, um klarzumachen: Da ist ein ganz arges Problem.

Und diese Wut, die hinter den Wörtern steckt, hat auch etwas Gutes. Denn zwischendurch hatte ich diese altbekannte Hoffnungslosigkeit. Mir wurde bewusst, wie viele Probleme es gibt und was für eine geringe Macht ich doch habe, um dagegen etwas zu tun. Dass die großen Firmen doch machen können, was sie wollen. Aber dieser Kampfgeist von Kathrin Hartmann kommt durch ihre Wörter hindurch und steckt an. Zusammen können wir das schaffen.

Das Buch hilft dabei Bewusstsein zu schaffen und aufmerksamer zu werden gegenüber Unternehmen und ihre Philosophien. Es ist nicht immer angenehm zu lesen, aber wir sollten nicht die Augen verschließen, sondern mehr darüber nachdenken, was unser Lebensstil für Folgen hat. 

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