Digitaler Minimalismus von Cal Newport

Digitaler Minimalismus von Cal Newport

Ich weiß noch, wie das früher war, wie ich damals mit meinem Handy umgegangen bin. Ich weiß noch genau, dass es auf meinem Schreibtisch lag und immer, wenn es vibriert hat, habe ich… nichts getan. Und wie ist es heute? Da muss ich mich sehr zusammen reißen nicht nachzusehen und manchmal ist es gar keine bewusste Entscheidung, ob ich nun gucke oder nicht. Es passiert einfach.
Das hat eine relativ hohe Bildschirmzeit zur Folge und oft auch ein Gefühl von Stress und Überforderung. Ich merke es sofort, wenn ich zu viel am Handy war.

Und das soll sich ändern. Ich möchte wieder ein selbstbestimmtes Verhältnis mit diesem Gegenstand haben – mehr ist es nun mal nicht. Es wird immer öfter so dargestellt, als wäre es ein Teil von uns, es ist immer selbstverständlicher nirgendswo, ohne dem hinzugehen. Doch ist das der richtige Umgang mit der neuen Technologie? Wollen wir das so?

Ein Buch, was in dem Zusammenhang schon lange auf meiner Liste war, ist Digitaler Minimalismus von Cal Newport. Endlich habe ich es gelesen und hier kommt nun die Buchvorstellung dazu.

Für wen könnte dieses Buch interessant sein?
Du möchtest einen selbstbestimmten und bewussten Umgang mit Handy und Co? – Das ist dein Buch*

Welche Beziehung zur Technologie wollen wir haben?

Kennst du auch dieses Gefühl der Erschöpfung, wenn du zu lange am Handy warst? Wenn du ungläubig zurückschaust, dass du doch eigentlich nur das eine nachschauen wolltest und dann von der einen App zur anderen App gesprungen bist, als wärst du von irgendetwas verfolgt, als wärst du in einem Wahn.

Oder gehen wir noch einen Schritt zurück und du sitzt irgendwo, vielleicht in einem Restaurant oder bei einem Spieleabend mit Freunden und auf einmal kommt dieser Drang nur mal schnell zu gucken, ob es etwas Neues gibt…

Ja, die Beispiele sind sehr plakativ, aber vielleicht weißt du trotzdem, was ich meine und fühlst dich vielleicht sogar angesprochen.

Weder ich noch der Autor will aber die Technologie verteufeln. Das ist sehr wichtig und das betont er auch sehr häufig. Es geht nicht darum, darauf zu verzichten. Und es ist kein absolutes Gut oder Böse. Es geht darum die richtige Balance zu finden und das Handy weglegen zu können, wenn du das willst.

Das Problem dabei ist, dass es nicht einfach damit getan ist, die Benachrichtigungen auszustellen – auch wenn das ein guter Anfang ist. Der Umgang muss sich grundlegend ändern und deswegen hat der Autor eine Philosophie erschaffen: Die Philosophie des digitalen Minimalismus.

Wir brauchen eine Philosophie, die unsere Erwartungen und Werte wieder von unseren täglichen Erfahrungen bestimmen lässt und zugleich den primären Verrücktheiten und Geschäftsmodellen des Silicon Valley ihre derzeitige Dominanz bei dieser Rolle entzieht; eine Philosophie, die neue Technologien akzeptiert, aber nicht um den Preis der Entmenschlichung […], eine Philosophie, bei der langfristige Sinnhaftigkeit den Vorrang vor kurzfristiger Befriedigung hat.

Cal Newport

Die Rolle der Social Media

Und dabei fing die Sache mit den neuen Technologien ganz harmlos an. Wer hätte 2004 gedacht, dass Seiten wie Facebook, Instagram usw. einen so eindrucksvollen Anteil in unseren Leben annehmen? Oder dass Handys unsere treuesten Begleiter werden? Selbst Steve Jobs hatte bei dem ersten iPhone 2007 nur den besten IPod im Sinn und keine mobile Revolution.

Und wie gesagt diese Entwicklung ist grundsätzlich nicht schlecht. Schlecht ist dieser Kontrollverlust, der sich breit macht und uns zwingt alles herunterzuladen, was im Trend ist, ohne zu hinterfragen, ob es uns weiterbringt, ob es uns nützt. Mit all der Technologie um uns herum ist es Zeit einen bewussten Umgang damit zu lernen und sich zu fragen: Brauche und möchte ich das wirklich?

Es geht nicht um Nützlichkeit, es geht um Autonomie.

Cal Newport

Denn es ist kein Geheimnis, dass vor allem Social Media Dienste darauf ausgelegt und programmiert sind unsere Aufmerksamkeit so lange wie möglich zu halten. In dem Buch findest du zahlreiche Zitate und Beispiele von Menschen, die dort gearbeitet haben oder immer noch arbeiten, wo klar ist: Es geht den Firmen im Vordergrund nicht darum, dass du mit deinen Freunden und Familie in Kontakt bleibst, es geht um die möglichst lange Beschäftigung mit diesem Dienst.

Dazu machen sich die Technologieunternehmen zwei Wirkmechanismen zunutze:

  1. Intermittierende positive Verstärkung
  2. Drang nach sozialer Anerkennung

Mit dem ersten Punkt sind unvorhergesehene Belohnungen gemeint. Ein Beispiel ist dafür Likes zu erhalten. Jedes Like setzt Dopamin frei, weil es eben unvorhergesehen ist und bestärkt unser Suchtverhalten nach mehr.

In dem Zusammenhang wird auch ein Zitat des Gründungspräsidenten von Facebook Sean Parker genannt, in dem er nochmal wiederholt, dass es bei ihnen um die Frage ginge, wie man möglichst viel Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer beanspruchen können. Und dazu sei es nötig ab und zu demjenigen einen kleinen Dopamin-Kick durch Likes und Kommentare zu geben.

Aber was sehr interessant ist und uns zu dem zweiten Punkt führt: Feedback ist eigentlich nicht nötig. Beziehungsweise spricht viel dafür, dass wir Social Media trotzdem nutzen würden, auch ohne Feedback. Denn befragt man Menschen, warum sie diese Kanäle nutzen, geht es eher um das Finden und Beitragen von Informationen, also ob einer ihrer Freunde umgezogen ist oder einen neuen Job hat. Und diese Argumente wirken auch ohne Feedback.

Das liegt an unserem Steinzeitgehirn, dass darauf gepolt ist sozial anerkannt zu werden. Denn früher war das für das Überleben notwendig. Der Autor geht sogar soweit, dass „fehlendes positives Feedback ein Gefühl des Leids auslöst“. Deshalb fällt es dem Steinzeitgehirn auch schwer Nachrichten zu ignorieren. Es braucht diese Informationen.

Nach diesem Kapitel kommt es fast so rüber, als wären wir alle willenlosen Wesen, die von Facebook und Co manipuliert werden. Das ist natürlich fragwürdig, denn nicht jeder wird im gleichen Maße manipuliert. Aber kennst du es nicht auch, wie manchmal die Hand wie von selbst zu Handy greift? Allein diesen Umstand finde ich gruselig (mir passiert das leider relativ oft). Autonomie statt Abhängigkeit und digitaler Minimalismus könnte darauf die Antwort sein.

Digitaler Minimalismus

Die Definition von digitalem Minimalismus ist nach Cal Newport folgende:

Eine Philosophie der Techniknutzung, bei der wir unsere Onlinezeit auf eine kleine Anzahl von sorgfältig ausgewählten und optimierten Aktivitäten konzentrieren, die für uns wertvolle Angelegenheiten intensiv unterstütze, und auf alles Übrige freudig verzichten.

Weil hier das Wort „optimieren“ drin vorkommt, könnte es vielleicht so rüberkommen, als ob es nur darum geht mehr Zeit zu haben und so schneller und mehr Aufgaben erledigen zu können. Darum geht es wirklich nicht, was auch im letzten Teil des Buches deutlich wird. Es geht darum ein positives und autonomes Lebensgefühl wiederzubekommen und das sieht natürlich für jeden unterschiedlich aus.

Wie schon anfangs gesagt ist der Sinn dieser Philosophie eine neue Einstellung, die sich durch das Leben zieht. Tipps und Tricks reichen nicht, sie sind nicht nachhaltig genug und hinterfragen nicht. Natürlich wirken Tipps bequemer und versprechen schnellen Erfolg, aber wenn man die Mechanismen dahinter nicht kennt, kann es schnell wieder passieren, dass man immer mehr Ausnahmen macht und letztlich wieder bei seinem gewohnten Umgang ist.

Die Prinzipien des digitalen Minimalismus

Der Autor hat genau drei Prinzipien gefunden, die die Wirksamkeit der Philosophie begründen.

  1. Gerümpel ist kostspielig: Hin und wieder hat eine neue Information einen Wert. Aber ist dieser Wert wertvoller als die kostbaren Stunden, die man insgesamt mit der Anwendung zugebracht hat?
  2. Optimierung ist wichtig: Die Entscheidung für eine Technologie oder Anwendung ist der erste Schritt. Aber falls man sich zum Beispiel für Netflix entschieden hat, muss man im zweiten Schritt auch entscheiden, wie man es nutzt. Zum Beispiel nur im Zusammensein mit Freunden.
  3. Absichtlichkeit ist befriedigend: Denn auch Verantwortung zu übernehmen macht zufrieden. Es ist doch theoretisch klar, dass es viel schöner ist auf Instagram Zeit zu verbringen, weil man es sich vorgenommen hat und nicht weil das Handy einfach da war, oder?

30 Tage ohne notwendige Technologien

Jetzt geht es um das digitale Entrümpeln. Und der Autor schlägt dafür eine ziemlich eindeutige Kur vor: 30 Tage ohne jede Technologie, außer die zum Beispiel dringend notwendig sind für den Job.

Das war’s im Prinzip auch schon. Sinn ist das ganze digitale Verhalten einmal auf Null zu setzen, um es danach bewusst so gestalten zu können, wie man das möchte. Und es einmal zügig durchzuziehen anstatt sich von Schritt zu Schritt durchzuhangeln.

Bevor man aber damit anfängt, sollte man sich ernsthaft Gedanken machen, wie man die Zeit dann nutzt. Welche Hobbys möchtest du wieder aufnehmen oder mal ausprobieren? Möchtest du bestimmte Freunde treffen? Neue Projekte angehen? Es ist wirklich wichtig sich darüber vorher klar zu werden, da es sonst schwierig werden könnte die kritische Phase der Entrümpelung durchzustehen.

Und auch sollte man für sich ganz genau definieren, welche Technologien und Anwendungen man in dieser Zeit noch nutzen darf. Nicht nur ungefähr, sondern wirklich genau.

Um die Technologien am Ende wieder einzuführen, gibt der Autor drei Fragen vor, die ich sehr hilfreich finde. Sinn ist, dass du bei jeder App, jedem technischen Gegenstand dir diese Fragen stellst und ehrlich beantwortest:

  • Dient diese Technologie unmittelbar einer Sache, die ich zutiefst schätze?
  • Ist diese Technologie die beste Methode, um diesen Wert zu fördern?
  • Wie werde ich diese Technologie in Zukunft anwenden, um ihren Wert zu maximieren und ihre Schädlichkeit zu minimieren?

Das ist so die Essenz dieser digitalen Entrümpelung. Der größte Teil des Buches beinhaltet tatsächlich Übungen, die dir dabei helfen können, den digitalen Minimalismus zu leben und zu integrieren.

Digital minimalistisch leben

Der letzte Teil ist auch der, der mir am meisten gefallen hat. Wie gesagt findest du hier viele Übungen und vor allem Ideen, wie du die Haltung des digitalen Minimalismus im Leben einbauen kannst bzw. welche Aspekte das noch mit sich bringt.

Ein Aspekt ist dabei zum Beispiel Zeit mit sich alleine zu verbringen. Hier führt der Autor die Wichtigkeit des Alleinseins mit seinen Gedanken aus und die Vorzüge, die daraus entstehen. Denn immer mehr wird der Verlust des Alleinseins deutlich. Wenn wir rausgehen, macht der eine oder andere automatisch die Kopfhörer rein. Auch ich habe das eine Zeitlang gemacht und bin gerade dabei mir es wieder abzugewöhnen. Es ist tatsächlich aber ein komisches Gefühl so ganz „nackt“ rauszugehen. Wohl ein Beweis, dass ich das Alleinsein in diesem Punkt verlernt habe.

Der Autor führt in diesem Zusammenhang auch Angststörungen auf. Denn in den neueren Generationen soll das ein immer größerer Punkt sein – und es soll exakt dann häufiger geworden sein, als auch die Smartphones immer allgegenwärtiger wurden. Vermutlich kann man nicht sagen, dass Smartphones allein dran schuld sind, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es eine Rolle spielt.

Die sozialen Netzwerke sind ein Tool, aber was uns verrückt macht, ist, dass sie zu etwas geworden sind, ohne das wir nicht mehr leben können.

Interviewter College-Student aus Digitaler Minimalismus

Nachdem nun ausführlich der Verlust der Einsamkeit ausgeführt wurde und es bei mir ein Gefühl des Schreckens hinterlassen hat, geht es an konkrete Übungen, die für das Alleinsein helfen können. Zum Beispiel einfach das Handy zuhause lassen, wenn man spazieren geht. Oder auch größere Wanderungen, in denen man bewusst das Handy in der Tasche lässt (ohne Handy wäre es mir auf einer Wanderung zu mutig, falls etwas passiert und man alleine ist).

Auch wird in diesem Teil des Buches der Umgang mit Social Media hinterfragt und eine neue Art und Weise vorgeschlagen. Hier sei erwähnt, dass Social media nicht grundsätzlich schlecht ist. Das betont auch der Autor und sagt deswegen auch nicht, dass auf Social Media zu verzichten der einzig richtige Weg ist – außer man möchte das.

Unsere Gesellschaftlichkeit ist einfach zu komplex, um sie auf ein soziales Netzwerk auslagern oder auf Kurznachrichten und Emojis reduzieren zu können.

Cal Newport

Und wenn man davon ausgeht, dass man nach der digitalen Entrümpelung viel mehr Zeit hat, ist auch die Freizeit ein weiteres Thema. Was kann man tun, um diese Leere zu füllen? Und da gibt es so viele Möglichkeiten! Bei denen auch das Internet eine Rolle spielt, denn es bietet neue Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten. Zum Beispiel kann man so neue Interessengemeinschaften finden. Nochmal – es geht nicht darum nie wieder digital zu sein. Es geht um das bewusste digital sein.

Aber weil dieser Teil des Buches wirklich sehr umfangreich ist und viele tolle Gedankenanstöße bringt, würde ich es dir überlassen ihn weiter zu entdecken.

Fazit

Buchinformation
Titel, AutorDigitaler Minimalismus – Cal Newport
ISBN978-3868817256
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl272 Seiten
Kaufenals Buch*, Hörbuch* und Kindle*

Unterhaltsam geschrieben und mit vielen Anekdoten wie zum Beispiel die Technologienutzung der Amish People oder Lincoln, der ein Landhaus als seinen persönlichen Rückzugsort erkoren hat – deswegen hat es mir wirklich Spaß gemacht das Buch zu lesen. Es ist aber auch wissenschaftlich belegt, denn der Autor zitiert viele Studien, die auch hinten im Buch als Anmerkungen verzeichnet sind.

Ein wirklich spannendes Buch, das viele Anregungen gibt und Lust auf die analoge Welt bringt. Auch oder gerade als introvertierte Person hat es mich dazu motiviert wieder „in echt“ anzupacken, etwas zu erschaffen und sozial zu interagieren.

Der wichtigste Punkt, den ich wohl aus dem Buch mitgenommen habe, ist zu hinterfragen, ob das, was ich gerade am Handy mache, mir Vorteile bringt. Also ich habe durch das Buch ein ganz anderes Verständnis von Technologienutzung bekommen und bin sehr dankbar dafür.

Die digitale Entrümpelung habe ich noch nicht gemacht – die kommt Ende des Jahres. Aber trotzdem gehe ich schon ganz anders mit Smartphone und Co um. Also ja, das Buch ist eine absolute Leseempfehlung.

Wie ist das bei dir? Bist du zufrieden, wie du mit deinem Smartphone umgehst? Was läuft gut und wo fühlst du dich manchmal wie fremdgesteuert?

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