Ich bin raus – Robert Wringham

Ich bin raus von Robert Wringham

Die eine Frage, die die ganze Zeit in der Luft hängt während man Ich bin raus von Robert Wringham liest, ist: Muss man wirklich arbeiten, um ein gutes Leben zu führen? Reicht es nicht schon sein Konsum stark einzugrenzen? Und ist man nicht schon dann glücklich, wenn man gerade so viel Geld hat, um seine Lebenshaltungskosten finanzieren zu können?

Im Prinzip ist dieses Buch über Minimalismus. Minimalismus, der stark weiter gedacht ist, und für manche zumindest anfangs undenkbar. Das Minimalismus nicht nur eine Aufräumaktion ist, sondern eher ein Lebenstil ist mittlerweile bekannt, denke ich. Aber die Herausforderung liegt vor allem darin, nicht immer wieder mal mehr, mal weniger nötiges Zeug zu kaufen und das dann in einer endlosen Folge von Aufräumaktionen wieder loszuwerden. Der Optimalzustand ist gar nicht erst wieder Unnötiges zu kaufen. Und wenn man nichts kauft, braucht man auch kein Geld, oder? Genau darum geht es in dem Buch. Wie komme ich aus dieser Falle des Konsums? Wie schaffe ich ein gutes Leben zu führen, unabhängig von dem gängigen Lebensstil?

Für wen ist dieses Buch geeignet?
Wenn du schon minimalistisch lebst und einen Blick über den Tellerrand werfen magst, weg von Jobs, die einen nicht erfüllen, dann ist es dieses Buch* auf jeden Fall wert gelesen zu werden.

Raus aus der Falle

Robert Wringham scheint ein großer Fan von Houdini zu sein, dem Entfesselungskünstler. Deswegen ist in seinem Buch dieser Austritt aus der Falle auch angelehnt an einer Entfesslung und jeder Schritt, also jeder Teil des Buches, beginnt mit einem Zitat von Houdini.

Erkenne die Falle

Der erste Schritt ist die Falle zu erkennen. Der Autor unterscheidet dabei vier Bereichen, in denen wir gefangen sind.

Der erste Bereich ist ziemlich offensichtlich die Arbeit. Es gibt nicht wenige, die jede Woche 40 Stunden oder mehr in einem Job arbeiten, denen sie nicht mögen. Die Vorstellung irgendwann in so einem Job sein zu müssen – aus finanziellen oder sonst was für Gründen – wäre das Schlimmste für mich. Ich weiß, manchmal kann man sich das nicht aussuchen, aber vielleicht findest du in diesem Buch ein paar neue Denkanstöße, um dem dennoch zu entgehen.

Es kann nämlich sein, dass die Menschen mit dem Geld, was sie in ihren Jobs verdienen, dann in die zweite Falle tappen: dem Konsum. Dazu gibt es ein unglaublich gutes Zitat, was ich wirklich sehr treffend finde:

Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

Unbekannt

Natürlich trifft das nicht für jeden zu. Aber kennst du nicht auch jemanden, der zu jeder passenden Gelegenheit sagt, wie wenig Geld er habe und dir dann seine neuen tollen Produkte zeigt, die er günstig bekommen hat? Ein Widerspruch in sich, der aber nicht jedem bewusst ist (beziehungsweise der nicht den Personen bewusst ist, die ich gerade meine).

Die dritte Falle ist dann die Bürokratie. Ich bin ehrlich gesagt bei diesem Punkt etwas skeptisch. Warum, werde ich später noch erklären. Neutral gesehen stimme ich dem Autor auf jeden Fall zu, dass dieses ständige Ausfüllen von Formularen für alles, was man benötigt, sehr zeitaufwändig ist und man sich manchmal wirklich fragt, ob das notwendig ist. Also allgemein formuliert ist es eine Falle.

Die letzte Falle, die Robert Wringham nennt, sind wortgemäß unsere dummen dummen Gehirne. Die äußeren Entwicklungen waren die letzten Jahrhunderte viel zu schnell für das Gehirn. Es ist immer noch ein Höhlenmenschgehirn und grenzt unser Leben und Wahrnehmen stark ein. Ängste sind zum Beispiel dafür da uns vor Gefahren zu schützen. Aber ist es wirklich so gefährlich einen anderen Menschen anzusprechen?

Dazu kommt dann noch das Misstrauen. Denn was passiert, wenn man aus der Falle herauskommt? Wer sagt einem, was man tun soll, wer ist für einen verantwortlich? Wer sagt, wann man aufstehen soll, wenn kein Wecker einen zur Arbeit schickt? Dafür ist man ganz allein verantwortlich und das ist etwas, was laut dem Autor viele misstrauisch und ängstlich vor der Freiheit macht.

Es kommen noch weitere Punkte hinzu, wie zum Beispiel unsere unverständliche Affinität für Hektik und Stress oder unsere selbsterlegte Abhängigkeit von Abos (das war ein wichtiger und sehr interessanter Puntk für mich!). Aber für einen Einblick sollte das genügen.

Was ist die Alternative?

Ich glaube, ich werde mich in einem Jahr zur Ruhe setzen. Ich kann mein Geld nicht mitnehmen, wenn ich sterbe, und möchte es gerne mit meiner Familie genießen, solange ich lebe.

Houdini

Der zweite Schritt ist nun zu sehen, was die Alternativen zu all diesen Fallen wäre und ja, das ist die Freiheit. Aber wie sieht diese Freiheit aus? Wie kann man sie füllen?

Dafür hat der Autor ein paar Grundlagen zusammengestellt, die für ihn wichtig sind, um ein gutes Leben zu führen:

  • Optimale Gesundheit
  • So viel freie Zeit wie möglich
  • Ein paar Freunde, auf die man sich verlassen kann
  • Wertschätzung der eigenen Umgebung
  • Sinnliche Genüsse
  • Absichtliche und nicht absichtliche intellektuelle Stimulation
  • Kreative Möglichkeiten, die uns persönlich etwas bedeuten
  • Eine saubere und würdevolle Wohnung
  • Positive Angewohnheiten, auf die wir stolz sein können

An dieser Stelle sei noch hinzugefügt, dass der Autor ein Verfechter des bedingungslosen Einkommens ist. Meine Bedenken sind bei diesem Thema, dass ich befürchte man könnte zu faul werden und ins Nichtstun verfallen. Diesen Einwand begegnet der Autor damit, dass anfangs schon Faulheit und Nichtstun vorherrschen mag, aber der Mensch irgendwann selber ein Bedürfnis bekommt etwas zu erschaffen und seine Zeit zu nutzen. Das kann natürlich noch nicht bewiesen werden, aber ich finde, das wäre eine schöne Zukunftsvision.

Die freie Zeit könnte man dann mit Familie und Freunden füllen, mit eigenen Ideen, Projekten und Hobbys und auch mehr in die ehrenamtliche Arbeit stecken oder auch einfach die freie Zeit genießen und bewusst nichts tun.

Raus aus der Falle

Im letzten Teil geht es dann um die Umsetzung: Die Entfesselung aus der Falle.

Als erstes sollte man sich darauf vorbereiten und Gedanken machen, wie man sich entfesselt und wie man danach leben möchte. Wie definiert man seine eigene Freiheit?

Dann geht es darum der ersten Falle zu entkommen: der Arbeit. Der Autor nennt hier verschiedene Möglichkeiten. Einmal die vorsichtigen Wege wie zum Beispiel Teilzeitarbeit, die etwas mutigeren Wege wie Heimarbeit oder die völlig verrückten wie zum Beispiel im Wald zu leben. Das sind nur ein paar Beispiele – in dem Buch werden noch viel mehr genannt und ich glaube, bei all den Möglichkeiten ist für jeden etwas dabei sein. Dort findest du dann auch den Entfesselungsplan des Autors, denn auch er war mal in der Falle.

Die zweite Entfesselung bezieht sich dann auf den Konsum, wo auch Minimalismus zur Sprache kommt. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass es nicht darum geht auf etwas zu verzichten, sondern darum genügsam zu sein. Also vielleicht eins öfter mal selber zu kochen statt essen zu gehen oder statt mehrere billige Dekoartikel zu kaufen, nur eins, was sehr wertvoll ist und mit dem man etwas verbindet. Es ist oft ein schmaler Grat zum Geiz, aber es lohnt sich diesen Weg zu finden.

In diesem Zusammenhang gibt der Autor noch einen – wie ich finde – gewagten aber interessanten Tipp. Und zwar sagte wohl schon Thoreau: „Hütet euch vor allen Unternehmungen, die neue Kleider verlangen.“ (wozu dann auch leider Wandern gehört). Der Autor geht noch weiter und sagt, man solle alle Unternehmungen vermeiden, die Geld kosten. Ich finde es etwas extrem das genau so durchzusetzen, aber es ist ein interessanter Ansatz und es lohnt sich mal darüber nachzudenken, was man unternehmen könnte und was keine neuen Kleider oder Geld kosten würde.

Bei dem Thema Bürokratie empfiehlt hier der Autor sie einfach zu ignorieren. Das finde ich nicht sehr realistisch, vor allem in einem Land wie Deutschland. Der Autor schlägt vor, dass man nach etlichen Mahnungen auch einfach umziehen könne und dass die meisten Ämter dann schon aufgeben. Ich weiß nicht, ob das ein Scherz war oder ernst gemeint. Aber man kann einen seiner Tipps auf jeden Fall beherzigen und die Bürokratie möglichst vermeiden. Und wenn man sie machen muss, kann man einfach daran denken, was man dafür bekommt. Was ja in den meisten Fallen dann etwas Schönes oder zumindest Positives sein sollte.

Und dann gibt es noch unsere dummen dummen Gehirne. In diesem Teil findest du einige Anregungen und Ideen, wie du der Angst und dem Misstrauen begegnen kannst, was aber zu viel wäre, um das hier weiter auszuführen.

Und dann hat man es geschafft – man ist (theoretisch) aus der Falle raus.

Fazit

Buchinformation
Titel, AutorIch bin raus – Robert Wringham
ISBN978-3453604667
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl337 Seiten
Kaufenals Buch* oder Ebook*

Ein wirklich interessantes Buch mit einigen gewagten Äußerungen, aber auch vielen vielen Anregungen, die einen zum Nachdenken und Hinterfragen bringen. Das Buch ist sehr logisch aufgeteilt, was mir gut gefällt und auch die Zitate von Houdini am Anfang jedes Kapitels sind wirklich passend gewählt.

Mir hat das Buch besonders in Bezug zu der Falle Arbeit neuen Input gegeben. Muss man wirklich den einen Job finden und ihn jahrelang machen? Könnte man nicht auch jedes Jahr einfach einen neuen anfangen? Nach dem Buch denke ich: Ja, warum nicht? Aber da muss jeder für sich selbst einen Weg finden und nicht jeder möchte ganz aus der Falle raus. Das ist auch völlig okay. Aber ich denke, jeder findet in dem Buch etwas, was er verändern kann, denn dort gibt es wirklich viele gute Ideen, die einen zum bewussteren Leben verhelfen.

Also ja, das Buch ist gewagt, denkt über gesellschaftliche Normen hinaus und verziert das alles mit einer guten Portion Humor und Beispielen, sodass man dazu angeleitet wird und sich auch traut, die genannten Ideen weiterzuspinnen.

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