Interview mit Gesa Gerloff – Slow Food

Gesa Gerloff von Slow Food Youth Lübeck

Gesa Gerloff ist Vorsitzende der frisch gegründeten Slow Food Youth Lübeck Gruppe. Slow Food Youth ist für die jüngeren Menschen von Slow Food. Einem Verein, der in über 170 Ländern vertreten ist. In dem Interview sprechen wir darüber, was eigentlich hinter Slow Food steckt und was für einen Einfluss wir mit dem täglichen Einkauf von Lebensmittel haben.

Danke für deine Zeit. Magst du dich kurz vorstellen und uns erzählen, was Slow Food ist und für was es steht?

Ich bin Gesa, 22 Jahre alt und studiere Medizinische Ernährungswissenschaften und ich bin 2019 über die Schnippeldisko zu Slow Food gekommen.

Slow Food steht – wie der Name schon sagt – für langsames Essen. Doch es geht dabei noch um viel mehr. Der Leitslogan von Slow Food ist: Gut, sauber, fair.
Gut steht für guter Geschmack. Sauber im Sinne von gut für die Umwelt, also nachhaltig produzierte Lebensmittel und fair bezieht sich dann auf faire Bedingungen sowohl für Tier als auch für Mensch.

Slow Food unterstützt vor allem handwerkliche Betriebe und will auch die Menschen dazu bewegen sich wieder mehr mit ihren Lebensmitteln auseinander zu setzen. Dabei soll eine Verbindung zwischen Verbraucher und Produzenten geschaffen werden, zum Beispiel in dem man wieder ins Gespräch kommt mit dem Mann, der das Gemüse verkauft oder mit der Frau an der Käsetheke. Also dass man einfach wieder mehr hinterfragt, woher die Lebensmittel kommen und wie sie entstanden sind.

Mit der täglichen Wahl, was wir essen wollen, und mit den Worten „Essen ist politisch“ machen wir auch ein politisches Statement.

„Essen ist politisch“. Auf den Satz möchte ich weiter eingehen. Glaubst du, dass man bei jedem Einkauf wirklich mitentscheiden kann? Oder ist das vernachlässigbar und es kommt darauf an, was man auf direkte Weise bei Politik und Landwirtschaft bewirkt?

Ich glaube, das Ganze ist ein riesiges Konstrukt und ich bin schon der Meinung, dass wir mit unserem täglichen Einkauf ein Statement setzen können. 
Wenn jeder das Billigfleisch aus dem Discounter kauft, wird mit jedem Kauf eine Nachfrage generiert und darauf reagieren die Konzerne mit einem größeren Angebot.

Im Alltag kann man also als Vorbild vorangehen. Aber nicht mit dem Zeigefinger auf irgendwen zeigen. Das gilt sowohl bei Freunden und Familie als auch in der Politik.
Zum Beispiel wird oft kritisiert, dass die Landwirte mit dem Nitrat unsere Böden verpesten. Aber ein anderer Weg wäre da mal hinzugehen und zu fragen, was gerade Stand der Dinge ist und wie das genau abläuft. Wenn man sich näher mit dem Thema auseinandersetzt, sieht man auch, dass denen teilweise die Hände gebunden sind.

Auf der anderen Seite denke ich, dass das ein kleiner Teil ist, der jeder von uns in seinen Alltag integrieren kann, aber es ist natürlich auch wichtig mit gemeinsamen Aktionen laut zu werden.
Wir müssen erreichen, dass die Politik auch den Produzenten, also sowohl den Handwerkern als auch den Landwirten zuhört. 

Es ist ein wirklich riesig großes System, was da überarbeitet werden muss.

Wie fängt man denn da am besten an, etwas zu verändern?

Am besten fängt man damit an sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Zum Beispiel kann man in Gruppen wie Slow Food zusammenkommen oder sich in der Agrarreform reinlesen.
Und was auch viel hilft, ist einfach ins Gespräch kommen, auf den Markt gehen und sich einfach mal unterhalten und nachfragen, woher die Lebensmittel kommen. Und dadurch kriegt man immer mehr Informationen und so auch ein Gefühl, was einen dann noch weiter interessiert.

Ich bin auch der Meinung, man soll auf gar keinen Fall versuchen alles sofort verändern zu wollen, sondern sich einfach seinen Weg suchen und herausfinden, was man selbst bewirken kann.
Sprich, wenn ich jetzt merke, dass ich keinen Discounter Obst und Gemüse mehr kaufen will, dann gehe ich auf den Markt und kaufe da oder frage, wo es eine solidarische Landwirtschaft in der Nähe gibt, bei der ich mich beteiligen kann. Und man kann Restaurants unterstützen, die eine regionale Küche haben oder das „Nose-to-Tail“ Prinzip berücksichtigen.

So eine Umstellung bedeutet auch immer, dass man sich aus seiner Komfortzone raus bewegt. Es ist wichtig, dass man sich da selber die Zeit gibt sich daran zu gewöhnen und nicht sagt, dass man ab morgen „Zero Waste“ lebt und sein Obst und Gemüse nur noch aus einer solidarischen Landwirtschaft beziehen möchte – das wird man nicht durchhalten.
Aber wenn man sagt, ich bestelle alle zwei Wochen meine Biokiste, dann ist das ein sehr guter Anfang.

Und so unterstützt man ja dann auch die Landwirte, die schon in die richtige Richtung denken.

Genau richtig. Und um ein bisschen größer zu denken, glaube ich, dass auch Aktionen wichtig sind. Zum Beispiel Demonstrationen wie die Wir haben es satt Demo. Das hilft natürlich auch Veränderungen herbeizuführen.
Außerdem gibt es zahlreiche Petitionen zum Beispiel zum Thema Saatgut, bei denen man sich einfach beteiligen kann.

Und ich denke, es geht wirklich alles über das Netzwerken. Sich austauschen mit Leuten und Informationen weitergeben. Oder auf Missstände aufmerksam machen. Also zu fragen: „Hey, habt ihr überlegt, was mit den ganzen männlichen Küken passiert? Muss das so sein?“

Einfach mal Fragen stellen und die Leute dazu bewegen selber nachzudenken.

Solidarische Landwirtschaft und Abokisten hattest du ja schon erwähnt. Und auch Essbare Stadt und Mundraub sind alles Konzepte, die auch dabei helfen können, den Menschen wieder näher an das Thema Ernährung zu bringen. Was hältst du davon? 

Du hast ja gerade viele verschiedene Ansätze genannt. Ich fange jetzt mal mit der Solidarischen Landwirtschaft und Biokiste an. Das ist auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung, um sich mehr mit dem Thema auseinander zu setzen und auch gerade regionale Landwirte zu unterstützen und denen zu zeigen, dass die Nachfrage besteht und sie nicht alleine sind. Ich glaube auch, gerade so Konzepte wie „Cow-Sharing“ gibt den Landwirten ein Stück Freiheit, um losgelöst von der Politik oder irgendwelchen Subventionen zu handeln und wieder mehr agieren zu können. Denn wenn man sich mit diesen Subventionen auseinandersetzt, dann sieht man, dass Bauern mit riesigen Flächen auch die größten Subventionen bekommen. Aber dort gibt es oft auch Monokulturen und sowas hat mit Slow Food und Nachhaltigkeit gar nichts mehr zu tun.

Und ansonsten Essbare Stadt oder Mundraub – das sind tolle Sachen, die auch zum Vernetzen führen. Und wie schön ist es, wenn man in die Natur gehen kann und da einen Apfel findet und sich dann darüber austauscht, wo der beste Apfelbaum steht. Also ja, das sind ganz tolle Sachen und ein toller Nebeneffekt ist auch, dass man dann die Erfahrung macht, dass Apfel nicht gleich Apfel ist. 

Großes Thema ist ja auch der Fleischkonsum. Ich weiß nicht, wie realistisch es ist, dass die Zukunft darin besteht, dass alle vegetarisch oder vegan leben. Dass es weniger Fleischkonsum und vor allem bewussteren Konsum geben muss, ist keine Frage. Aber ich glaube, gar kein Fleisch ist schwierig durchzusetzen. Wie siehst du das?

Ich sage immer und das ist wirklich mein Lieblingssatz: Es muss keiner vegan sein, aber wenn die Welt ein Stück weit veganer wird, also jeder von uns ein Stück weit veganer lebt, ist der Welt schon geholfen.

Es geht gar nicht darum, strikt vegan oder vegetarisch zu sein. Denn diese starke Einschränkung bringt einem nichts. Wenn man gerne diesen Kuchen essen möchte, den eine Freundin gebacken hat und da ein Ei drin ist, dann sollte einen das nicht hindern den Kuchen zu essen.

Und zum Thema Vegetarisch: Die Problematik ist auch, dass Milch von Kühen kommt, Eier von Hennen. Das bedeutet aber für jede Henne oder jede Milchkuh, die geboren wird, besteht auch eine 50%ige Chance, dass ein Männchen geboren wird. Und das bedeutet, dass wir auch Leute brauchen, die das Fleisch abnehmen. Weil ansonsten fallen die nur als Abfall an. Wenn die ganze Welt vegetarisch wird und nur noch Milch und Eier isst, was machen wir dann mit dem ganzen Fleisch? Es ist wichtig, dass wir auch immer das Ganzheitliche betrachten.

Aber es geht auch darum, dass wir weg von diesem übertriebenen Konsum kommen und von dieser intensiven Tierhaltung. Wir müssen einfach zurück zum Sonntagsbraten kommen und dahin, dass man generell Lebensmittel mehr wertschätzt und wieder mehr Maß hält. Also auch, dass es nicht täglich Fleisch sein muss, sondern vielleicht nur einmal wöchentlich ein Stückchen. Und dass es nicht das XXL Steak sein muss, sondern eine kleinere Menge.

Es sagt niemand, dass man komplett darauf verzichten muss. Wir müssen einfach nur ein Stückchen veganer werden. 

Warum glaubst du, ist es so weit gekommen, dass Fleisch so ein Massenprodukt wurde und eben nicht mehr nur der Sonntagsbraten geblieben ist?

Ich glaube, da muss man auch die Geschichte berücksichtigen. Wenn wir unsere Großeltern fragen würden, glaube ich sehr stark, dass die noch gut Maß halten können, weil sie noch wissen wie das ist, zum einen sogar Hunger leiden zu müssen und zum anderen kein Fleisch ständig zugänglich zu haben.

Ich glaube, das hat sich daraus entwickelt, dass Fleisch, als es wieder zugänglich war, genossen wurde, das Leben wurde wieder genossen und die Generation danach hat das einfach aufgegriffen. Aber dann ist es alltäglich geworden und jetzt leben wir in einer Welt voller Überschuss. Schon bei der Frage, was man heute Abend isst, gibt es unzählige Möglichkeiten: Geht man essen, bestellt man, kocht man selber, holt man was auf dem Markt, holt man was bei Lidl oder Penny oder Netto? Welche Marke nehmen wir?
Man wird einfach erschlagen von diesem Überfluss.
Ich denke, in dieser Zwischengeneration wurde eine gewissen Maßlosigkeit praktiziert und es wurde versucht alles zu optimieren, alles zu verbessern, alles schneller zu machen.

Und ich glaube, dadurch ist das so gekommen.
Man merkt ja schon, dass in unserer Generation Veganismus und Vegetarismus viel stärker wiederaufkommen.

Ich denke beim Thema Fleisch ist es auch oft so, dass viele die Alternativen nicht sehen. Wo findet man denn einfache, vielleicht auch vegetarische Rezepte, um nachhaltig und fair kochen zu können?

Da muss ich aus Slow Food Sicht sagen, dass Slow Food primär nicht vegetarisch oder vegan ist. Klar, sagt Slow Food, dass Maß gehalten werden muss, aber Slow Food sagt auch, dass Fleisch weiterhin gegessen werden muss und dass auch Handwerke dahinterstecken. Zum Beispiel ist ein Käser ein tolles Handwerk, was Slow Food auch weiterhin unterstützen möchte.

Aber diese hochverarbeiteten „Beyond Burger“ – das hat nichts mit Slow Food zu tun. Slow Food bedeutet wenig verarbeitete Lebensmittel, keine Geschmacksverstärker oder irgendwelche Farbstoffe etc.
Umso weniger Plastik und Strichcode du bei den Zutaten für dein Rezept verwendest, desto slowfoodiger ist es. Und da gibt es einen Haufen an Rezepte, auch im Internet.

Und ich wehre mich dagegen zu sagen das Fleisch zu „ersetzen“. Zum Beispiel ist Tofu für mich kein Ersatzprodukt, sondern eine ganz eigene Zutat. Es gibt auch Tofu, der schlecht ist, aber auch welchen der slowfoodwürdig ist. Der hat dann wenig Zusatzstoffe und ist einfach ein tolles Nahrungsmittel.

Und wenn man sich Sorgen macht um seine Proteine, dann kann man sich über Hülsenfrüchte schlau machen, denn das ist eine ganz tolle Proteinquelle.

Also man kann zusammenfassend sagen: Es geht gar nicht darum vegetarische oder vegane Rezepte zu finden, sondern eher darauf zu achten, dass man Rezepte hat, die möglichst natürlich sind.

Genau und da kann man natürlich auch gucken, wie die Lebensmittel hergestellt oder verpackt wurden. Da streiten sich ja auch die Geister: Welche Lebensmittel sind jetzt besser? Die eingeschweißte Bio Karotte aus Spanien oder die konventionell produzierte Karotte aus einem Umkreis von 15km? Da muss man ein bisschen für sich selber abwägen.

Aber auch selber kochen, ist ein Stichpunkt. Selber kochen oder wirklich nur da Essen herholen, wo man wirklich den Leuten vertraut. Also vielleicht nicht unbedingt McDonalds, auch wenn die Verkäuferin nett ist.

Blick in die Zukunft: Wie könnte unser Umgang mit Ernährung in 10 oder 20 Jahren aussehen?

Das ist natürlich immer so ein spannendes Gedankenspiel. Also ich kann eher sagen, was ich mir wünsche. Und ich wünsche mir, dass es noch viel mehr Konzepte gibt wie die vorhin Besprochenen oder die Biostadt.

Und es ist mir persönlich auch ganz wichtig, dass viel mehr in die Ernährungsbildung investiert wird. Denn ich denke, der Sinn für Genuss und die Wertschätzung von Lebensmitteln fängt im Kindesalter an und man kann als Eltern in der Hinsicht auch schon super viel falsch machen.

Ich hoffe auch, dass gemeinsames Essen wieder mehr wertgeschätzt wird und dass sich jeder wieder ein bisschen mehr Zeit nimmt und sich ein bisschen mehr selbst versorgt. Also damit sage ich nicht, dass jeder sein Brot backen soll, denn Bäcker ist ein ganz tolles Handwerk, da sollte man lieber den Bäcker seines Vertrauens unterstützen. Aber das jeder eher selber kocht und vielleicht auch in seinem Garten ein bisschen was anbaut, um einfach wieder dieses Gefühl für gute Lebensmittel zu bekommen.

Es ist auch einfach mehr als sich nur gut zu ernähren. Man tut seinem Körper durch eine gute Ernährung was Gutes, aber es ist auch gut für die Seele. Denn ich finde, es hat auch etwas sinnstiftendes an sich, wenn man sich mehr damit auseinandersetzt und wertschätzt, wie lange so eine Karotte braucht und wie schwierig das ist sie aus dem Boden zu kriegen.

Genau das würde ich mir wünschen. Einfach wieder mehr Wertschätzung und Zeit für Genuss.

Weiter Infos zu Slow Food findest du auf deren Webseite.

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