Interview mit Laura Natascha Vogt – Schulbildung mal anders

Laura Natascha Vogt - Schulbildung mal anders

Laura hat eine große und wie ich finde unglaublich wichtige Vision. Sie möchte Schulbildung anders gestalten und Schule neu denken. Momentan ist sie selber noch Studentin und studiert Sonderpädagogik und Biologie auf Lehramt.

Ich durfte sie interviewen und habe sie danach gefragt, was genau ihre Mission ist, wie sie sich die neue Schule vorstellt und was für langfristige Folgen eine neue Schule haben könnte. Ein sehr inspirierendes und interessantes Interview.

Vielen lieben Dank für deine Zeit. Magst du dich vorstellen? Wer bist du und was machst du?

Ja gerne, ich bin Laura Natascha Vogt und bin auf der einen Seite Studentin, eine Freundin und Mitbewohnerin, aber auch Podcasterin und Visionärin im Bereich Schule.
Also ein Mensch mit verschiedenen Facetten und das ist auch das, was ich von Schule zeigen möchte. Ich versuche da viele Möglichkeiten und Perspektiven zu sehen.

Wie kam es dazu, dass du Schule neu denken möchtest? Was ist da deine Mission oder auch Vision?

Als ich damals angefangen habe Biologie und Chemie auf Lehramt in Münster zu studieren, war ich sehr schnell sehr deprimiert. Denn irgendwie herrschte auf jeder Seite Frustration. Die Lehrkräfte waren frustriert, weil sie nicht mehr an die Schüler rankamen. Die Schüler*innen waren frustriert, weil ihnen Schule keinen Spaß gemacht hat. Eltern waren frustriert, weil sie das Gefühl hatten, ihre Kinder werden nicht so gefördert, wie sie sich das vorstellen. Referendar*innen waren frustriert, weil sie in die Schule kamen und ihre Ideen irgendwie sofort kleingeredet wurden.
Und ich habe gedacht: Das kann doch nicht sein, dass überall in diesem System Frustration herrscht.

Dann habe ich ein Jahr Pause vom Studium gemacht und wollte erstmal auf die Suche gehen, was es denn sonst noch alles gibt.
Ich habe dann ein Seminar von Margret Rasfeld besucht, das „Schule neu denken“ hieß. Das ging drei Tage lang von morgens bis abends und es hat mich wirklich sehr beeindruckt! Ich saß da mit meiner Kinnlade auf dem Boden und dachte: „Ne, das gibt es nicht in Deutschland!“
Ich war so erstaunt, dass es Schulen gibt, wo Kinder lernen können, wie sie wollen. Es gibt Lehrkräfte, die gerne in die Schule gehen und dabei richtig Spaß haben. Es gibt Eltern, die in der Schule mitwirken und sich freuen ihr Kind in die Schule zu bringen. Und es gibt Kinder, die an ihre Schule gesprayt haben, dass sie sich immer auf den Montag freuen.
Da habe ich dann gesehen, dass es viele Alternativen gibt und das viele gar nicht wissen. Man ist so fokussiert auf das, was nicht klappt, dass man gar nicht sieht, was alles möglich ist.

Und das war das, was dann auch zu meiner Mission geworden ist. Ich möchte so etwas wie „Good News“ für die Schule an die Menschen bringen. Zum Beispiel was es für Möglichkeiten gibt Schule anders zu denken. Das können SchülerInnen sein, die erzählen, was in ihrer Schule anders ist. Das können Lehrpersonen sein, die davon erzählen, wie sie ihren Unterricht anders gestalten. Wie sie zum Beispiel in einer ganz normalen Regelschule Achtsamkeitsübungen einbinden. Das kann so etwas sein wie das Schulfach Glück.
Es gibt ein riesen breites Feld an Ideen und ich möchte zeigen, dass so viel mehr möglich ist. Wir müssen nicht so perspektivlos denken.

Das ist die Mission. Und die Vision dahinter ist tatsächlich das Schulsystem langfristig zu verändern. Sodass Lehrpersonen, Eltern und Schüler*innen mit dem, was ich teile, inspiriert werden auch ihre Schulen neu zu denken. Und im Endeffekt dann auch Schulen zu gründen, wo eine andere Haltung und andere Lernkulturen entstehen.

Du hast in deinem Podcast gesagt, dass du auch eine Schule gründen möchtest. Wie wäre deine Schule? Wie stellst du dir diese vor?

Ich glaube, da könnte ich jetzt fünf Stunden drüber reden (lacht). Ich kann versuchen es in ein paar Kernpunkte zusammenzufassen.
Als allererstes würde für mich eine Schule auf bestimmten Werten basieren und diesen Werten müssten sich sowohl die Lehrpersonen als auch die Schüler*innen und die Eltern verpflichten.

Und dann ist es für mich eine Schule, in der alle Instanzen zusammenarbeiten und in der man möglichst flache Hierarchien hat. Man kann die Eltern immer wieder mit einbinden und auch Fortbildungstage für Eltern stattfinden lassen. Und natürlich auch für die Lehrpersonen. Die Schüler*innen könnten auch die Lehrer und die Eltern fortbilden, damit dieses Hierarchiekonzept insgesamt ein bisschen durchlöchert wird und nicht so präsent ist.

Als einen weiteren Wert stelle ich mir eine Art achtsame Intelligenz vor, in der auch alle geschult werden, die neu an die Schule kommen. Und auch, dass das immer aufgefrischt wird. Also dass man sich mit sich selbst beschäftigt, auch als Lehrperson und Eltern. Dass man seine eigenen Überzeugungen hinterfragt und dass man das auch wieder an der Schule reproduziert und an die Schüler*innen weitergibt.
Das würde für mich bedeuten, dass eine Kultur herrscht, der sich alle anschließen.

Zum Beispiel ist auch Fehlerfreundlichkeit für mich etwas ganz Wichtiges. Wir sollten davon absehen zu sagen: „Du hast das und das richtig gemacht und das und das falsch gemacht.“ Sondern: „Das hast du falsch gemacht, sehr gut, was kannst du daraus lernen?“ Denn wir machen alle Fehler. Das ist ganz normal und menschlich. Die besten Entscheidungen entstehen sogar meistens aus Fehlern und es ist wichtig diese Einstellung auch an Schüler*innen weiterzugeben.
Insgesamt soll der Fokus weniger stark auf Wissen liegen, sondern mehr auf dem Lernen. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, wie und wo sie sich Wissen aneignen können und welche Lerntypen sie sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist dann die emotionale Intelligenz. Das heißt auch sich selbst kennenzulernen und darüber zu sprechen, wie man Beziehungen führen kann. Sowohl zwischen Freunden und Freundinnen als auch die Beziehungen, die am Ende Partnerschaften fürs Leben werden. Denn da liegt auch das allergrößte Triggerpotential. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau oder Frau und Frau oder… Du weißt glaube ich, was ich meine. Da passiert so viel und daraus kann man so vieles lernen, wenn man weiß, wie man das für sich nutzen kann.

Es geht darum ganz praktische Sachen für das Leben zu lernen. Ein Punkt dabei ist, wie man mit Geld umgehen kann. Was steckt dort für eine Bedeutung dahinter, wie ich mit Geld umgehe und welche Rollen spielen da vielleicht auch meine Familie und Erfahrungen, die ich in der Kindheit gemacht habe, dass ich so mit Geld umgehe.

Ich stelle mir die Schule tatsächlich auch weniger als Ort vor. Ich sage oft, dass es dort ein bisschen wie in Hogwarts ist (lacht). Also ein schönes großes Gelände, wo dann alle zusammenleben.
Aber ich fände es auch schön, wenn die Stadt mehr eingebunden wird. Es soll gar nicht so darum gehen Lehrer für verschiedene Fächer zu haben, sondern dass man mit seiner Lehrperson gemeinsam intensivere Prozesse durchgeht und dann gemeinsam herausfindet, was die Schüler*innen gerne lernen würden. Also dann gehen sie zum Beispiel für ein paar Wochen in die Verwaltung an der Uni, weil sie das interessant finden. Die anderen gehen in eine Bäckerei, die anderen in den Einzelhandel und wieder andere in ein Anwaltsbüro. Dort lernen sie dann einfach ganz andere Dinge für das Leben.

Das wäre so ein ganz kleiner Teil davon, wie ich mir Schule vorstelle. Wie gesagt, ich könnte Stunden darüber reden (lacht).

Was glaubst du, könnte das mit den Kindern machen und auch mit der Welt, wenn man das so umsetzen könnte? Welche langfristigen Folgen hätte das?

Wahrscheinlich würde das erstmal eine riesige Katastrophe nach sich bringen. 
Es hat ja einen Grund, warum das Schulsystem so aussieht, wie es aussieht. Wir brauchen auch die Menschen, die am Ende unbeliebtere Berufe ausführen. Und die, die funktionieren und von 8 bis 16 Uhr in irgendeinem Job arbeiten.

Man merkt jetzt schon, was manche Erwachsene über die Jüngeren sagen, die das nicht so machen. Die, die Youtuber werden oder die ihr Geld als Coaches verdienen. Dann sagen welche: „Ja die Jugend von heute, die chillen den ganzen Tag nur irgendwie am Strand“ – oder so. Da existiert oft gar kein Verständnis und es kann nicht nachvollzogen werden, was auch dort für eine ganze Arbeit und Mühe hinter stecken kann.

Und das wird erstmal ein riesen Chaos und einen Generationskonflikt nach sich ziehen, weil ich glaube, dass viele Menschen nicht verstehen, dass etwas anderes möglich ist. Denn Menschen, die auf solche neu denkenden Schulen gehen, machen zukünftig weniger Dinge, die ihnen nicht gefallen.
Natürlich werden sie sich schon mal durch bestimmte Dinge durchbeißen, weil sie wissen, dass man mit Herausforderungen umgehen muss. Aber sie werden nicht 30 Jahre einen Beruf ausüben, wo sie eigentlich jeden Tag gerne kündigen würden.
Und das wird erstmal richtig schlimm werden. Wir müssen dann schauen, wer bestimmte Berufe besetzt. Man muss die Gesellschaft wahrscheinlich auch umstrukturieren.

Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum diese Schulentwicklung so langsam geht. Weil auf allen Seiten auch Angst herrscht, dass mit diesen Konsequenzen, die das nach sich ziehen würden, nicht umgegangen werden kann.

Eine Frage zum Abschluss: Du studierst ja gerade noch und schreibst deine Bachelorarbeit. Was kommt danach? Was hast du für Pläne?

Ich bin jetzt seit November in einem Verein tätig. Der heißt Schule des Lebens. Da geht es auch darum, dass wir Schulen gründen und ein alternatives Schulsystem aufbauen wollen. Das soll auch möglichst kostenlos und für alle zugänglich sein, aber nicht so sehr an die Regularien des öffentlichen Schulsystems gebunden sein. Das ist so eines der nächsten Projekte, das sich über Jahre ziehen wird. Und es ist wahrscheinlich eines der Dinge, das viel Raum einnehmen wird, auch im Podcast und irgendwie in meinem ganzen Sein (lacht).

Ich werde aber auch im Herbst meinen Master machen, denn ich kann wirklich nur Lehrerin werden, wenn ich den Bachelor, den Master und mein Referendariat gemacht habe. Und das möchte ich auch. Ich werde auf jeden Fall Lehrerin. Ich weiß noch nicht, ob das das einzige ist, was ich machen werde, denn ich brauche immer verschiedene Dinge, die ich tun kann, um auch vielseitig ausgelastet zu sein. Deswegen werde ich nicht 40 Stunden Lehrerin sein, aber ich werde auf jeden Fall an die Schule gehen. Ich möchte die Schüler*innen mit beeinflussen.
Traumhaft wäre es dann natürlich, wenn ich mit dem Verein und der dortigen Tätigkeit und den Ausbildungen, die ich vielleicht noch anfange, meine eigene Schule gründen kann.

Kann man dich denn dabei unterstützen und wie kann man mit dir in Kontakt treten?

Am einfachsten ist es mich über Instagram zu erreichen. Ich antworte da teilweise sogar schneller als über WhatsApp (lacht).
Man kann natürlich auch gerne meinen Podcast folgen. Ich freue mich, wenn man da rein hört. Der war jetzt pausiert für drei Monate, weil ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe, aber wird ab Mai wieder online gehen und dann auch mit einem neuen Format, wahrscheinlich von der Schule des Lebens.
Das könnt ihr dann auch gerne in eurem Freundeskreis teilen. Ich glaube davon leben alle Podcaster*innen. Es ist immer sehr schön, wenn das möglichst viele Menschen erreicht.
Wenn ihr euch die Schule des Lebens anschauen möchtet, könnt ihr das auf deren Internetseite machen. Und natürlich kann man da auch spenden, wenn man den Verein finanziell unterstützen möchte.

Aber ich freue mich auch einfach, wenn ihr da seid, mir folgt und euch anhört, was wir so machen.

Vielen Dank für das Interview!

Du findest Laura auf Instagram und Facebook und ihren Podcast „Schulbildung mal anders“ auf iTunes und Spotify.

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1 Gedanke zu „Interview mit Laura Natascha Vogt – Schulbildung mal anders“

  1. Hey!
    Ein interessantes Interview!
    Gerald Hüther und Herbert Renz-Polster sind hier auch immer spannend anzuhören zu den Themen Lernen, Gehirn, Entwicklung.
    Ich würde es auch begrüßen, wenn das Schulsystem nicht mehr leistungsorientiert wäre. Wenn auch Bildung fürs Leben selbst stattfinden würde: Resilienzförderung, Achtsamkeit, vielleicht auch finanzielle Bildung usw.
    Leider sind solche Schulen, wie im Interview beschrieben, noch selbst zu zahlen und damit für ein Groß der Eltern nicht machbar – wenn sie denn eine solche Schule überhaupt in der Nähe hätten….
    Lg, Kathrin

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