Pause von der Selbstoptimierung

Pause von der Selbstoptimierung

Die letzten Monate waren ein Auf und Ab für mich. Im Nachinein würde ich sagen, es war eine kleine Sinnkrise. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass sie schon vollständig vorbei ist. Ich glaube nur, dass der Sturm sich gelegt hat. Und das ich nun für ein erstes Fazit bereit bin, denn was ich dabei für mich mitgenommen habe, möchte ich mit dir teilen. Was ich dir sagen möchte, ist: Mach mal Pause mit der Selbstoptimierung.

Einige von euch wissen vielleicht, was ich damit meine. Ich habe schon öfter gehört, dass viele in diesen Strudel von immer höher und immer weiter hineingeraten und dann erleichtert aufatmen, wenn sie innehalten können und der Sturm sich legt. Doch bis zum Innehalten kann es ein langer Weg werden und am Anfang fühlt sich diese ungesunde Selbstoptimierung auch noch sehr gut an.

Im Strudel gefangen

Bei mir fing es auch relativ harmlos an: Mit Podcast und Büchern.

Ich tauchte immer tiefer in den Bereich Persönlichkeitsentwicklung ein und lernte unfassbar viel. Eigentlich ging der Prozess schon vor zwei Jahren los, doch wurde er im letzten Jahr sehr intensiv. In der Zeit fing ich dann auch diesen Blog an und hatte unfassbar viele Ideen, die ich umsetzen wollte.

Das ging so weit, dass ich ungefähr vier weitere Projekte neben Uni, Nebenjob, dem Blog starten wollte. Einige Menschen schaffen das sicher auch nebenbei. Ich nicht. Für mich war es zu viel.

Eigentlich hätte ich die Anzeichen dafür auch früher erkennen können: Ich wurde immer gestresster, wachte mit klopfenden Herzen auf. Ich hatte am Ende des Tages, trotz allem was ich schaffte, nicht das Gefühl genug zu schaffen. Und die ToDo Listen wurden immer länger.

Ich war verzweifelt. Ich mach doch genau das, was ich mir wünsche. Ich verfolge meine Ziele und arbeite an mir. Ich sauge neues Wissen auf, lerne Leute kennen, die unglaublich inspirierend sind. Warum geht es mir dann nicht gut?

Doch anstatt die Antwort auf diese Frage zu suchen, machte ich weiter. Bis es nicht mehr ging. Bis es zur Gewohnheit wurde, dass ich gestresst aufwachte und immer müde war. Und bis es letzendlich Auswirkungen auf meine Beziehung hatte.

Die Falle der Selbstoptimierung

Dann zog ich die Notbremse und stampfte alles auf Sparflamme ein. Alle Projekte legte ich beiseite und auch mein Blog durfte einen Monat lang ruhen. Ich schaufelte mich frei und fiel ins andere Extrem, das auf eine andere Weise zermürbend war. Denn was mache ich denn nun mit der freien Zeit? Ich muss doch irgendwas machen? Ich verliere gerade wertvolle Zeit. Ich muss irgendwas leisten. Was will ich erschaffen? Was sind meine Ziele? 

Und nun hatte ich auch Zeit darüber nachzudenken. Es war schrecklich. Denn was passiert bitte, wenn man auf diese Fragen keinen Antwort hat?

Ich bin einfach ungehindert in diese Falle getappt. In die Falle, die dir sagt, dass du alles und jeder sein kannst, der du sein willst. So à la: Du kannst alles schaffen, wenn du nur fest daran glaubst. Oder es zehnmal jeden Morgen in den Spiegel sagst.

Was für Möglichkeiten sich da auf einmal auf tun! Was man nicht alles erreichen könnte. Um natürlich alles gleichzeitig schaffen zu können, werden noch zig Produktivitätstipps gelesen und ToDo Listen angefertigt, die von zehn Prioritäten gleichzeitig angeführt werden.

Und es werden natürlich Unmengen von weiteren Bücher gelesen und Informationen aufgenommen. Du saugst förmlich auf, was man dir gibt. Es ist einfach alles wichtig. Jede Information könnte dein Leben verändern!

Bist du dann plötzlich innehältst und dir denkst: Nun, bin ich wirklich glücklich damit?

Pause von der Selbstoptimierung

Bei mir war die Antwort ein Nein. Und es war kein klares Nein. Am Anfang war es schüchtern, leise und wurde dann immer forscher. Nein, das ist absolut nicht so, wie ich leben möchte.

Und dann beginnt die eigentliche Persönlichkeitsentwicklung. Die Entwicklung, bei der du nicht danach strebst irgendwer zu werden, der du werden könntest, sondern einfach erstmal die Person zu sein, die du bist. Deine jetzige Person zu akzeptieren und zu achten. Es beginnt die Zeit sich selber kennenzulernen, sich ins Gesicht zu gucken, ungeschminkt und ehrlich.

Was ich da bei mir herausgefunden – was heißt herausgefunden – also was ich bei mir dann endlich akzeptieren konnte, war, dass ich verdammt introvertiert bin. Und schüchtern. Und wahrscheinlich auch sehr sensibel. Und dann habe ich über diese Themen tolle Bücher gelesen und herausgefunden, dass es absolut okay ist, dass ich so bin. Für mich war das ein riesiger Aha-Moment! Das waren Themen, die ich so lange nicht akzeptieren konnte und bekämpfen wollte. Und dann habe ich es einfach akzeptiert. Ich habe mich so befreit und glücklich gefühlt. Für den Moment ist es einfach okay, wie ich bin.

Und der Rest? Was ist mit den Zielen? Den Träumen? Was ist mit der Frage, wer man sein will?

Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Wer sagt auch, dass man es zu jedem Zeitpunkt in seinem Leben wissen muss? Viel wichtiger ist doch, dass wir zufrieden sind und ein gutes Leben haben. Deswegen bin ich gerade dabei herauszufinden, was genau das für mich bedeutet. Welche Momente und Aktivitäten diese Zufriedenheit bei mir auslösen.

Diese Reise ist auch nicht immer einfach. Und ja, manchmal oder auch sehr oft kommt dieses Gefühl hoch, dass ich doch meine Zeit verschwende. Aber das glaube ich nicht. Ich denke, in Auszeiten kann viel passieren. Auszeiten bedeuten nicht Stillstand.

Ein kleiner Einwand

Das alles soll nicht bedeuten, dass du keine Ziele mehr haben solltest. Oder dass du einige Eigenschaften oder Verhaltensweisen bei dir nicht ändern darfst. Natürlich darfst du das und ich bin auch immer noch der Meinung, dass es dazugehört, wenn man sich weiterentwickelt. Aber das ist eben nicht im Vordergrund. Wichtiger ist, dass du dir klar wirst: Wer bist du jetzt gerade und was macht dich glücklich? Dann lebe nach dem, was du da herausgefunden hast und dann kommt die bewusste Entwicklung und Optimierung.

Und wenn du zufrieden bist mit den Antworten auf diese Fragen, dann ist das auch völlig fein. Wir müssen nicht ständig besser werden. Aber ich glaube daran, dass jeder sich immer entwickelt und es ist nur die Frage, wie bewusst man das macht. Lässt man sich entwickeln oder hilft man etwas nach, indem man in eine Richtung lenkt?

Fazit

Also nochmal zusammengefasst meine Schritte, um aus diesem Strudel herauszukommen:

  • Alle Projekte und ToDos ad acta legen
    Mache dich für einen begrenzten Zeitraum frei. Wirklich frei und nicht nur halbherzig. Bei mir hat es zwei Wochen gedauert bis ich auch den Blog pausieren konnte, weil ich nicht glauben konnte, dass er es überlebt. Hat er aber. Also versuche alles, was geht zu stoppen, am besten mindestens für einen Monat. Es wird auch leichter.
  • Informationsaufnahme einschränken:
    Das gilt nur für dich, wenn du gar nicht mehr hinterherkommst die Informationen, die du aufnimmst, auch zu verarbeiten. Bei mir war es nicht selten so, dass ich fünf Bücher in fünf Tagen gelesen habe und nebenbei noch Unmengen an Podcasts gehört habe. Einfach viel zu viel!
  • Entscheide dich für ein Projekt:
    Jaa, das beißt sich mit dem ersten Punkt. Aber so ganz konnte ich es doch nicht lassen. Deswegen habe ich für mich beschlossen, mich auf das Schreiben zu fokussieren. Und zwar an einer Sache – an einem Buch. Also wenn ich produktiv sein wollte, dann habe ich daran weitergeschrieben.
  • Sich selber kennenlernen:
    Bei mir waren es die Themen Hochsensibilität, Introversion und Schüchternheit, die echte Aha-Momente hinterlassen haben. Deswegen werden die nächsten Artikel von diesen Themen handeln.
  • Suche nach den Dingen, die dir Spaß machen:
    Suche dir für jede Woche oder auch für alle zwei Wochen etwas, dass du sonst nicht machen würdest, wo du aber denkst, dass es dir Spaß macht. Ich habe so Gesangsunterricht angefangen.

Vor allem diese Einschränkung mit den Projekten ist natürlich sehr abhängig davon, was für ein Typ du bist. Ich habe einfach festgestellt, dass ich ganz schnell Sachen mache, um sie zu machen und nicht weil ich daran Spaß habe. Deswegen habe ich mir auch radikal verboten ToDo Listen zu machen. Denn sobald ich damit anfange, bin ich im Rausch und erst wieder ich selbst, wenn die Liste leer ist. Einfach nicht gesund.

Das war ein kleiner Einblick, wie es bei mir die letzten Monate aussah. Ich denke, es ist klar, dass es nicht bei jedem so ablaufen muss und jeder Mensch geht anders mit der Persönlichkeitsentwicklung um. Bei mir hat es eben diese ungesunde Ausmaße in Richtung Selbstoptimierung angenommen. Vielleicht hast du dich ja in manchen Punkten wiedergefunden und konntest etwas aus der Geschichte mitnehmen. Lass mich das gerne in den Kommentaren wissen.

Und für dich heißt das: Mach einfach das, was dir gut tut. Besser kann man es nicht zusammenfassen.

2 Gedanken zu „Pause von der Selbstoptimierung“

  1. Vielen Dank für diesen wundervollen Text! Du sprichst mir direkt aus der Seele. Ganz genau so ging es mir auch die letzten Wochen/Monate. Ich bin da auch wieder rausgekommen, indem ich einfach mal alles pausiert hab und mir gesagt hab: „Du musst gar nichts…“ Persönlichkeitsentwicklung ist gut, sollte aber nicht zu einem zusätzlichen Leistungs- und Stressfaktor werden

    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar und dein Lob! Ich stimme dir da absolut zu. Wir machen uns doch meist schon genug Stress… „Du musst gar nichts“ sollte bei sowas ein Mantra werden 😉

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