Was bedeutet es seine Hochsensibilität zu entdecken?

Sensiblität entdecken

Das erste Mal habe ich von der Hochsensibilität gehört, als ich einen Podcast Interview mit Maria Anna Schwarzberg gehört habe. Sie selber hat auch einen Podcast namens „Proud to be Sensibelchen“ und ein gleichnamiges Buch geschrieben. Aber ehrlich gesagt, habe ich mir nach dem Interview weder das eine noch das andere genauer angesehen. Was etwas widersinnig war, denn ich war wirklich von ihr und dem, was sie sagte, begeistert. Ich konnte mich in unglaublich vielen Dingen wiederfinden. Sie sagte zum Beispiel, dass sie manchmal mit ihrem Mann tagelang allein ist und niemanden anders sieht und sehen möchte. Und dass das nicht unnormal war, sondern ein ganz normales Bedürfnis. Ein Bedürfnis der Hochsensiblen.

Und da dachte ich: Könnte es sein, dass ich…?

Hochsensibel – das Modewort

Aber die Frage laut auszusprechen, traute ich mich nicht. Das lag auch unter anderem daran, dass ich zu der Zeit dachte, dass Hochsensibilität so ein Modewort ist.

Gefühlt ist jeder hochsensibel!

Und ich habe mich dagegen geweigert dazuzugehören.

Doch es kann durchaus sein, dass sehr viele Menschen in meinem und auch in deinem Umfeld diese Eigenschaft haben. Denn diese Eigenschaft ist gar nicht so selten. Je nach Quelle sollen 20% oder sogar fast ein Drittel aller Menschen hochsensibel sein. 

Zu dieser Erkenntnis kam ich aber zu der Zeit gar nicht. Stattdessen legte ich das Thema in einer imaginären Schublade beiseite. Aber es war verrückt, denn auf einmal kam das Thema wirklich überall auf. Zig Leuten, deren Podcast ich höre und deren Arbeit ich sehr schätze, sind hochsensibel. Ich lernte immer mehr – freiwillig und unfreiwillig – was zur Hochsensibilität gehört und lernte dabei auch sehr viel über mich.

Hochsensibilität vs. Sensibilität

Bevor ich aber dazu komme, was es heißt hochsensibel zu sein, möchte ich noch eine Lanze brechen: Auch Maria Anna Schwarzberg schrieb in ihrem Buch, dass es sehr schnell passiert nur zwischen Hochsensiblen und eben Nicht-Hochsensiblen zu unterscheiden.

Dass das niemanden gerecht wird, ist klar. Natürlich gibt es zum Beispiel auch die Sensiblen, die sich nicht als hochsensibel bezeichnen würden, oder die, die nur in einigen Situationen sensibel sind. Ich glaube mittlerweile, dass es so viele verschiedene Facetten von Sensibilität gibt wie es Menschen gibt. Und das ist auch gut so.

Dabei jetzt zwischen hochsensibel und sensibel zu unterscheiden, ist schwierig. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das aufgrund der vielen Facetten überhaupt möglich ist und eigentlich ist es auch völlig egal.

Denn es geht doch nicht darum, sagen zu können: Du und du bist hochsensibel und du nicht. Sondern es geht vielmehr darum, sich kennenzulernen, sich zu verstehen und mit seinen Bedürfnissen zu leben anstatt dagegen.

Da ich den Unterschied zwischen Hochsensibilität und Sensibilität nicht sehe und hier niemanden ausschließen möchte, der sich „nur“ als sensibel sieht und ich selber nicht weiß, ob ich hochsensibel oder sensibel bin, möchte im Folgenden nur noch von der Sensibilität sprechen.

Sensibilität ist mehr als nur eine Eigenschaft

In der Zeit habe ich nun immer mehr von den Eigenschaften der Sensibilität gehört und sehr oft habe ich gedacht: Ja, das kenne ich! Oh, das ist also normal?

Und ich habe auch ein neues Bild von sensiblen Menschen bekommen. Ich muss zugeben, dass ich vorher sensible Menschen nicht mit „normalen“ Menschen, die man täglich auf der Straße sieht, verglichen habe. Ich möchte mich hier nicht in Bredouille bringen, ich habe einfach nur gedacht, dass man es ihnen ansieht bzw. anmerkt, dass sie so sind wie sie sind.

Das ist natürlich Quatsch, man kann nie durch einen Blick oder ein Gespräch erkennen, welche komplexen Eigenschaften ein bestimmter Mensch hat.

Das habe ich dann auch gelernt, als ich „We are proud to be Sensibelchen“ gelesen haben. Das Buch ist auch von Maria Anna Schwarzberg und beinhaltet die sehr verschiedenen Lebenswege von zehn Menschen, u.a. von Jan von Ein guter Plan. Ihre Wege und ihre Eigenschaften sind so unterschiedlich und verschieden und dennoch habe ich mich in vielen wiedererkannt.

Da wurde mir dann das erste Mal bewusst, dass Sensibilität nicht das eine Merkmal ist.

Wie zeigt sich Sensibilität?

Sensibilität hat viele Facetten und auch wenn nicht alle Facetten zu jeder Zeit auf dich zutreffen, schließt es nicht aus, dass du sensibel bist. Wenn viele auf dich zutreffen, ist es sehr wahrscheinlich, dass du sensibel bist. Es gibt auch Tests im Internet, die zumindest eine Tendenz erahnen lassen. Aber ich würde nicht zu viel darauf geben lassen, sondern eher dein Gefühl entscheiden lassen, ob du dich als sensibel bezeichnest oder nicht.

Also was heißt es sensibel zu sein?

Sensibilität bedeutet, dass du sensibler für die Reize deiner Umwelt bist

Das heißt, dass du mehr wahrnimmst und dementsprechend mehr als weniger sensible Menschen verarbeiten musst.

Dazu ein Beispiel: Stell dir vor, ein Mensch kommt in einen Raum mit Menschen. Ein nicht sensibler Mensch nimmt vielleicht 10 Dinge wahr, verarbeitet diese und beginnt ein Gespräch oder so. Ein sensibler Mensch nimmt gleichzeitig 100 Dinge wahr und ist etwas länger beschäftigt alles einzuordnen und zu verarbeiten. Das geschieht natürlich unbewusst, aber der sensible Mensch merkt es zum Beispiel dadurch, dass er nervös oder unruhig wird.

Diese erhöhte Reizwahrnehmung und -verarbeitung erklärt auch das häufige und stärkere Ruhebedürfnis von sensiblen Menschen. Sie wollen und müssen sich von den vielen Eindrücken erholen. Oft haben sensible Menschen dadurch auch weniger das Problem allein oder mit wenigen Menschen zusammen zu sein. Diese Eigenschaft verstärkt sich natürlich noch, wenn man auch introvertiert ist und eh Ruhe benötigt, um Energie zu tanken.

Das ist so die bedeutendste Eigenschaft, aber es gibt auch ein paar weitere Eigenschaften, die typisch für sensible Menschen sind.

Weitere Eigenschaften

Sensible Menschen sind zum Beispiel häufig sehr gerechtigkeitsliebend und gewissenhaft. Bei mir zeigt sich der Punkt mit der Gerechtigkeit zum Beispiel dadurch, dass ich sehr genau, fast übergenau darauf achte, dass jeder beim Essen mindestens gleich viel von allem bekommt.

Außerdem bringen Stresssituationen sensible Menschen leichter aus der Bahn. Das heißt nicht immer, dass sie damit nicht umgehen können. Jeder kann das lernen, aber sensible Menschen sind durch die erhöhte Wahrnehmung schneller erschöpft und brauchen Zeit, um sich nach stressigen Phasen zu erholen.

Manche reagieren auch sehr stark auf Gerüche. Sowohl auf gute als auch auf eher nicht so schöne. Sie nehmen diese viel intensiver wahr und können sich so in schöne Gerüche fast reinlegen, während sie auf schlechte Gerüche sehr abneigend reagieren.

Das Gleiche gilt auch für die Raumwahrnehmung. Für viele macht es einen starken Unterschied, ob Ordnungen oder Unordnung herrscht. Ich kann mich zum Beispiel sehr schlecht konzentrieren, wenn die Wohnung unaufgeräumt ist. Ich vermute es liegt an den Reizen von unaufgeräumten Dingen, die die ganze Zeit in meinem Augenwinkel umherschwirren.

Außerdem reagieren manche sensiblen Menschen sehr stark auf Stimuli wie Alkohol und Koffein. Beziehungsweise ihre Körper zeigen sehr starke Reaktionen darauf.

Und wenn wir schon bei dem Körper sind, denn ein weiteres Merkmal ist die erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Bei mir zeigt sich das besonders deutlich bei der Angst vor Spritzen. Allein die Vorstellung lässt mich schaudern. Und ich kann nicht hinhören, wenn jemand zum Beispiel Krankheiten beschreibt und sagt, was dann im Kopf, in der Lunge oder ähnliches passiert, weil es dann sofort bei mir an diesen Stellen kribbelt und ich das Gefühl habe genau das zu haben, was derjenige da gerade beschriebt.

Meine Lieblingseigenschaft der Sensibilität ist die viel intensivere Wahrnehmung von Kunst oder Musik. Vielleicht kennst du es, wenn du Musik hörst, dass du viel intensiver auf die Stimmung der Musik reagierst. Wenn es fröhliche Musik ist, wird man oft mitgerissen. Wenn es traurige Musik ist, wird man schnell auch melancholisch.

Das war zumindest ein Einblick in die Sensibilität und ihre Begleiter. Die meisten Eigenschaften klingen eher positiv, aber es ist ein schmaler Grad zwischen positiv und negativ. Durch die intensive Wahrnehmung ist ein sensibler Mensch allgemein viel schneller überfordert in Situationen und sorgt vielleicht auch für Unverständnis bei anderen. Denn es kann nicht jeder verstehen, warum du häufiger allein sein magst als andere.

Ein gutes Beispiel ist dafür, wenn du auf einer Party bist, aber schon früh gehen möchtest, weil du dich ausgelaugt fühlst. Nicht selten passiert es, dass das nicht nachvollzogen werden kann (so ist meine Erfahrung) und dass du dann lieber die Zähne zusammenbeißt und da bleibst, obwohl du einfach nach Hause möchtest.

Sensibilität hat viele Facetten

Bei jedem zeigt sich die Sensibilität anders und bei jedem sind die einzelnen Facetten unterschiedlich ausgeprägt. Manche reagieren so gar nicht auf Gerüche, aber bei vielen Menschen um sich herum sind sie schnell überfordert.

Ich wollte dir damit einfach zeigen, was Sensibilität alles bedeuten kann und welche Bereiche es in deinem Leben betreffen kann. Für mich war die Beschäftigung damit ein Augenöffner. Ich habe mich besser kennengelernt und ich verstehe nun auch, warum ich in manchen Situationen so anders reagiere als andere. Ich kann mir Verständnis geben und auch klarer meine Gefühle formulieren. Das führt auch zu viel mehr Verständnis in meinem Umfeld und ich fühle mich einfach wohler. Es war ein weiterer Schritt für mich in Richtung authentisch leben.

Trotzdem habe ich das Gefühl erst am Anfang zu stehen. Denn es ist auch so, dass ich introvertiert und schüchtern bin. Die Mischung aller drei Eigenschaften kann (muss nicht) sehr schwierig sein, da besonders die Schüchternheit mich mit Angst vor Ablehnung durch das Leben begleitet. Aber das ist ein anderes Thema.

Was ich jetzt mit dem Wissen über meine Sensibilität mache und wie sich das in meinem Leben festigen wird, wird sich erst noch zeigen. Es war bis jetzt aber schon sehr spannend mich so neu kennenzulernen und ich hoffe, ich konnte dir mit meinem Weg auch den Weg zu deiner Sensibilität öffnen. Du bist normal so wie du bist. Du hast nur andere Bedürfnisse und wenn du sie kennst, brauchst du nicht mehr gegen sie ankämpfen. Dann kannst du damit beginnen mit ihnen zu leben.

Bist du sensibel? Wie zeigt sich das bei dir und wie kommst du damit zurecht?

Im übernächsten Artikel möchte ich dir die Bücher von Maria Anna Schwarzberg genauer vorstellen, denn sie haben mir bei der Akzeptanz wirklich sehr geholfen.

Ein Gedanke zu „Was bedeutet es seine Hochsensibilität zu entdecken?“

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